Donnerstag, 13. Januar 2005
Die Klasse hat sich entschlossen das Buch »Das Parfum« von Patrick Süskind (Bild links) zu lesen. Nicht alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden. Deshalb sollten Argumente gefunden werden, mit denen auch die Skeptiker davon überzeugt werden können, dass es sich lohnt, dieses Buch gemeinsam zu lesen.
Rebecca fand den Anfang des Buchs, der der Klasse vorgestellt worden ist, zu drastisch. Mit der Vorstellung, sie müsse sich nun wochenlang nur mit Gestank und ekelerregenden Dingen befassen, wollte sie sich nicht anfreunden. Nun, Rebecca konnte beruhigt werden! Das erste Kapitel ist besonders drastisch formuliert um die Neugier der Leser zu wecken. Im weiteren Verlauf des Buchs werden durchaus auch angenehme und schöne Dinge beschrieben. Übrigens fanden einige Schüler in der Klasse gerade den »ekligen« Anfang des Buchs interessant. Offenbar finden negative, abstoßende oder Ekel erregende Gegenstände, Personen und Ereignisse eher das Interesse der Menschen als die Schilderung von braven Leuten, die ihren alltäglichen Geschäften nachgehen.
Tobias hätte lieber ein anderes Buch gelesen, »Professor Unrat« von Heinrich Mann. Auch er konnte mit relativ wenig Aufwand für das Buch von Patrick Süskind gewonnen werden: Immerhin gibt es ein Hörbuch zu dieser Lektüre, das der Klasse zur Verfügung gestellt wird. Außerdem interessiert sich Tobias sehr für Sachbücher. Im Süskind-Buch gibt es viele Schilderungen zu den Themen Düfte, Gerüche, Parfums, die auch vom Sachgehalt her sehr interessant sind.
Die härteste Nuss war Simon. Für ihn sind nur solche Texte interessant, die sich mit Tatsachen beschäftigen, zum Beispiel Telefonbücher oder Fahrpläne. Dasselbe gilt seiner Meinung nach für Filme: Auch dort schaut er sich nur solche Beiträge an, die sich mit wirklichkeitsgerechten Themen befassen, also Nachrichtensendungen, Dokumentarfilme, Wettervorhersagen usw. Bücher oder Filme, die auf erfundenen Ereignissen beruhen, nennt man auch "fiktionale" Texte oder Filme: Diese sind nach Simons Meinung unnütz und überflüssig.Fiktionale Texte beruhen auf der Fantasie ihrer Autoren. Die Menschen, die solche Texte hervorbringen, also Buch- und Drehbuchautoren, Filmregisseure usw., verarbeiten zwar wirkliche Ereignisse, fügen diese aber mit Hilfe ihrer Fantasie (Vorstellungskraft, "Einbildungskraft") so zusammen, dass daraus etwas Neues entsteht, ein Roman, ein Film oder ein Theaterstück. Auch andere Künstler wie Maler, Komponisten, Bildhauer, Architekten usw. brauchen Fantasie, um ihre Werke hervorzubringen. Sie alle benutzen vorhandene Materialien (Ereignisse, Bilder, Konstruktionen), um etwas Neues zu schaffen. Wenn man Simons Meinung folgt, müsste all das überflüssig sein.
Der Schriftsteller Robert Musil hat die Fähigkeit, aus vorhandenen Materialien etwas Neues zu schaffen, einmal "Möglichkeitssinn" genannt: Wir brauchen nicht nur Wirklichkeitssinn, genauso, und vielleicht noch mehr, brauchen wir Möglichkeitssinn. Ohne solchen Möglichkeitssinn könnten Menschen niemals etwas Neues schaffen, sie müssten auf ewige Zeiten in einem bestimmten fest gefügten Zustand stehen bleiben. Ein anderes Wort für Möglichkeitssinn ist "Kreativität". Die Tatsache, dass das Leben der Menschen sich ständig verändert, zeigt, dass Menschen über Kreativität verfügen und dass sie diese Kreativität auch anwenden. In den Werken der Kunst wird die menschliche Fähigkeit, Neues zu schaffen, etwas zu erfinden, besonders deutlich.
Alle Argumente blieben erfolglos. Simon ließ sich nicht überzeugen. Immerhin zeigte er sich bereit, um des lieben Friedens willen das Buch zu kaufen und im Unterricht, so gut es geht, mitzumachen.
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... sind erfundene Texte. Sie beruhen auf der Fantasie ihrer Autoren. Andere Worte für "Fantasie" ...
Der Schriftsteller Robert Musil hat die Fähigkeit, aus Vorhandenem etwas Neues zu schaffen, "Möglichkeitssinn" genannt. Genauso wie den Wirklichkeitssinn brauchen wir auch den Möglichkeitssinn!